Landverkehre Europa
08.08.2017
ÖBB-Güterverkehr in Europa durch Baustellen gebremst
Wien - Die anziehende Konjunktur sorgt europaweit für mehr Nachfrage im Güterverkehr. Die Herausforderung, die steigende Nachfrage zu befriedigen, sei in den letzten Monaten jedoch nicht bewältigt worden, räumt Rail Cargo-Vorstandssprecher Clemens Först am Freitag gegenüber der APA ein. Zahlreiche Baustellen und mangelnde Kapazitäten haben zuletzt sogar zu einem Stillstand an der Grenze zu Ungarn geführt.
Die Tageszeitung "Standard" hatte vor einigen Tagen von massiven Problemen im Güterverkehr berichtet. Först bestätigt, dass es Ende Juni, Anfang Juli am Grenzübergang Österreich-Ungarn zum Höhepunkt der Probleme kam. 22 Güterzüge seien am Bahnhof Hegyeshalom gestanden und konnten nicht mehr weiterfahren. Die staatliche ungarische MAV-Infrastruktur habe es nicht geschafft, die Züge in beide Richtungen zu disponieren. Mit der Flüchtlingskrise oder den Kontrollen gegen illegale Einwanderung habe dies aber nichts zu tun gehabt. Daraufhin habe man einen Krisenstab in der ÖBB-Zentrale eingerichtet und ein Team am Grenzübergang stationiert, um die lokale Situation zu bereinigen. Seit einigen Tagen gebe es nun keinen Rückstau in Hegyeshalom mehr. In Folge der Staus hat die Rail Cargo einen Brief an ihre Kunden geschrieben, in dem sie die Qualitätsmängel einräumte, und aus dem die Zeitung zitierte.
Nachfrage explodiert
Grund für die Probleme seien mehrere Faktoren, erläutert Först. In Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs nehme die Nachfrage nach Logistik bis zu dreimal so stark zu wie das Wirtschaftswachstum. Die Rail Cargo-Group könne 2017 bei Umsatz und Menge bereits ein Wachstum "im hohen einstelligen Bereich" verzeichnen. Dazu komme eine große Anzahl von Baustellen im europäischen Schienennetz, insbesondere in Deutschland und Italien. In Deutschland werde nach Jahren ohne große Investitionen nun viel Geld in die Infrastruktur gesteckt, was zu vielen Verzögerungen im Bahnbetrieb führe, die sich im europäischen Netz schnell auch auf die Nachbarn auswirkten.
Zwar habe man in Österreich die steigende Mengenentwicklung im Güterverkehr korrekt vorhergesagt, man sei aber Teil von europäischen Logistikketten, erklärt Först: "Wenn die Leistungspartner wackeln, wackeln wir auch mit". Die Verspätungen drücken auch auf die verfügbaren Ressource-Lokführer und Triebfahrzeuge seien blockiert, die Produktivität sinke.
Derzeit werde etwa am Deutschen Eck die Bahnstrecke saniert, was sich auf den österreichischen Bahnverkehr auswirke. Zwischen dem 23. Juli und 13. August 2017 werden im Deutschen Eck die Gleise erneuert, in diesem Zeitraum gilt ein Baustellenfahrplan. Da der Personenverkehr Vorrang habe, müssten die Güterzüge noch länger warten. "Wenn der Railjet hustet, haben wir Grippe", konstatiert Först.
Als Gegenmaßnahme stocken die ÖBB bei Personal und Zugmaterial auf. Heuer werden 200 neue Lokführer alleine für den Güterverkehr ausgebildet, nur ein Teil davon ersetze ausscheidende Kollegen.
Insgesamt bringen die Neueinstellungen eine deutliche Aufstockung, kündigt Först an. Weiters wurden im Jänner 30 neue Loks eines Rahmenvertrags abgerufen, die nächstes Jahr in den Einsatz kommen können. Zusätzlich werden acht weitere Loks angemietet, für die Herbstspitze sollen sie dann verfügbar sein. Auch in den Wagenpark werde investiert.
Eine Verschiebung von der Bahn auf die Straße sieht Först hierzulande nicht. Der Modalanteil sei in Österreich in den letzten Jahre stabil und leicht über 30 Prozent. Mittelfristig setzt die ÖBB-Güterverkehrssparte auf weiteres Wachstum, nicht nur in Europa sondern auch nach Asien im Zuge der chinesischen "Seidenstraßen"-Initiative. Im Wettbewerb mit der Straße sieht der Bahnmanager künftige Herausforderungen durch Entwicklungen wie Gigaliner, Platooning (mehrere Lastwägen fahren elektronisch gesteuert hintereinander) und autonomes Fahren - neben den niedrigen Dieselpreisen (Schluss) gru/itz (APA)